"Zum Glück war ich in der Zeit nicht dort"Verein aus dem badischen Breisach fährt mit rechts orientierten Jugendlichen nach Auschwitz Heute zeichnet Ministerpräsident Erwin Teufel 45 Bürgeraktionen aus dem Land für deren beispielhaftes Engagement aus. Eine davon leitet ein Sozialarbeiter aus Breisach: Werner Nickolai fährt regelmäßig mit Skinheads nach Auschwitz. Von Michael Werner Werner Nickolai hat einen Traum: Sein Wohnort Breisach am Rhein und die polnische Ortschaft Oswiecim sollen Partnerstädte werden. "Der Ort leidet unter Auschwitz", sagt Nickolai. Am Ort, in dem sich partout keine Unternehmen ansiedeln wollen, liegt die KZ-Gedenkstätte Auschwitz, das Vernichtungslager der Nazis. Seit 1993 fährt Nickolai einmal im Jahr nach Auschwitz. Der Vorsitzende des Vereins "Für die Zukunft lernen - Verein zur Erhaltung der Kinderbaracke Auschwitz-Birkenau" fährt nicht alleine. Er nimmt rechts orientierte Jugendliche mit. Skinheads und auch solche, die keine Glatzen und Springerstiefel tragen. Die Jugendlichen kommen aus Baden-Württemberg oder aus Rostock. Und sie werden von Betreuern ihrer jeweiligen sozialpädagogischen Einrichtung und von Nickolais Studenten begleitet. Bei Nickolai lässt sich Berufs- und Privatleben nicht so ohne weiteres auseinander dividieren. Sein Engagement im Verein ist seine Privatangelegenheit. Andererseits gehört sein Arbeitgeber zu den Initiatoren des Vereins. Und so fahren Studenten der Katholischen Fachuniversität Freiburg, an der Nickolai unter anderem Gedenkstättenpädagogik lehrt, im Zuge eines Seminars mit gewaltbereiten Jugendlichen ins KZ. "Ich bin mit nach Polen gefahren, weil meine Betreuer mich gefragt haben und ich nichts Besseres zu tun hatte und auch ein bisschen neugierig war, wie so ein KZ aussieht." Manuel, der Rechte aus Oberrimsingen, schreibt diese Begründung zu Beginn seines Aufenthalts in Auschwitz. Am Ende, als "Schlussbetrachtungen" gefragt sind, ist seine Neugier befriedigt: "Es gab nur ein Ziel, alle zu vernichten. Ganz grausam war es mit den Frauen und Kindern. Zum Glück war ich in der Zeit nicht dort." Zwischen den Zeilen liegt eine Woche in Auschwitz. "Wir fahren nicht dort hin, um die Jugendlichen abzuschrecken, sondern um ihnen politische Information so zu geben, dass sie ankommt", sagt Werner Nickolai. "Alle Sinne" will er ansprechen. An Urlaub denkt er dabei nicht. An den Vormittagen wird gearbeitet. Man versucht, eine Lagerstraße in Auschwitz II Birkenau von der Überwucherung der letzten 50 Jahre zu befreien. Im Mai 1999 war das Freilegen der Straße mühevoller als in den vergangenen Jahren. Die Grasnarbe ließ sich zwar gut entfernen, aber die zwei bis drei Erdschichten, die hinterher abzutragen waren, machten den Jugendlichen zu schaffen. "Insofern war schon eine starke Eigenmotivation erforderlich", heißt es in der Dokumentation des Projekts. Die Arbeit wird von den Teilnehmern erwartet, ist aber dennoch ein freiwilliges Angebot. So wie die ganze Reise. Es wäre nicht hilfreich, sagt Nickolai, wenn Jugendrichter den Aufenthalt in Auschwitz anordnen würden. Auch als freiwillige Reiseteilnehmer sind die rechts orientierten Jugendlichen nicht immer gerne gesehen: "Wenn in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte plötzlich Glatzköpfe auftreten, kommt es zu Irritationen", berichtet Nickolai. Beim Gespräch mit einem Überlebenden des Vernichtungslagers, einem Fixpunkt in Nickolais Auschwitz-Programm, versteckt denn auch mancher Skinhead seine Glatze aus Respekt vor dem Zeitzeugen unter einer Wollmütze. Dass trotz Führungen durch das KZ und abendlicher Aufarbeitungsrunden nicht flugs aus Skinheads Demokraten werden, bezeugt Matthias, ein 16-jähriger Projektteilnehmer aus Rostock: "Ich habe meine Meinung nicht grundlegend geändert", schreibt er zwar nach seinem Aufenthalt in Auschwitz, "aber auf jeden Fall habe ich mehr Respekt vor Menschen aus anderen Ländern bekommen." Und Nickolai kennt die Bedeutung der kleinen Schritte. Wenn er im Jargon der Sozialarbeiter von "Opferperspektive'' und "Täteranteilen" doziert, dann meint er nichts anderes als den Umstand, dass den rechts orientierten Jugendlichen mit einfachen Formeln nicht zu helfen sei. Die Parallele vom gestern verprügelten Türken zum vor Jahrzehnten vergasten Juden erschließe sich den Skinheads in Auschwitz nicht unbedingt. Eher schon würden die rechts orientierten Jugendlichen mit den Problembiographien erkennen, dass sie im Nationalsozialismus als "Asoziale" möglicherweise selbst zu den Verfolgten gehört hätten. Die Jugendlichen dürfen allerdings nicht in der "Opferperspektive hängen bleiben". Am Schluss muss die Auseinandersetzung mit den eigenen Gewalttaten stehen. Um dies zu gewährleisten, beschränkt sich der Verein "Für die Zukunft lernen", dessen Beirat unter anderen die SPD-Politikerin Renate Schmidt, der Exfußballprofi Jürgen Klinsmann und der Sportjournalist Michael Steinbrecher angehören, nicht nur auf die Reisen. Der Verein hat die Patenschaft für die Restaurierung der Kinderbaracke in Auschwitz-Birkenau übernommen und dafür mittlerweile mehr als 70000 Mark aufgebracht. Außerdem organisiert "Für die Zukunft lernen" ein Schulaustauschprogramm zwischen Oswiecim und Breisach sowie alljährliche Sportbegegnungen zwischen den Fußballmannschaften von Unia Oswiecim und dem FC Rimsingen. Und wenn der Verein heute als Bürgeraktion unter dem Schwerpunktthema "Sicher leben - gemeinsam gegen Kriminalität" ausgezeichnet wird, ist Werner Nickolai seinem Traum von der Städtepartnerschaft vielleicht wieder ein bisschen näher gekommen.Quelle: Südwestdeutsche Zeitung vom 15.01.2000