Badische Zeitung vom Donnerstag, 27. Januar 2005

"Absolut nicht vorstellbar"
BZ-INTERVIEW mit Holocaust-Forscher Micha Brumlik zur Befreiung des KZ in Auschwitz 1945



BREISACH/FRANKFURT (gz). Heute vor 60 Jahren wurde das Konzentrationslager Auschwitz von Soldaten der Roten Armee befreit. Auschwitz gilt als Synonym für den grausamen Massenmord der Nationalsozialisten an den Juden. Micha Brumlik ist Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Frankfurt, Leiter des bekannten Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts (Holocaust-Forschungszentrum), Mitglied der jüdischen Gemeinde Frankfurts und Beirat des Oberrimsinger Vereins "Für die Zukunft lernen". Mit ihm sprach BZ-Redakteur Gerold Zink.

BZ: Können sich die Menschen heute noch wirklich vorstellen, was damals in Auschwitz geschah, oder verblasst die Erinnerung bereits?
Brumlik:
Sich an das, was vor und in den Gaskammern geschah, zu erinnern, war damals so unmöglich wie heute, da es all unsere Vorstellungen möglicher Verhaltensweisen überschreitet. Wir müssen heute zudem mit dem Umstand rechnen, dass uns immer weniger Zeitzeugen aus eigener Anschauung berichten, wie es damals gewesen ist. In dieser Hinsicht verblasst die Erinnerung, die wir jetzt durch ein exaktes historisches Gedächtnis ersetzen müssen.

BZ: Kann für jüdische Mitbürger der 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz auch ein Tag der Erleichterung sein oder ist es absolut unmöglich, den grausamen Massenmord von Auschwitz jemals zu verarbeiten?
Brumlik:
Viele Juden denken auch heute noch mit Dankbarkeit daran, dass sie dank der Alliierten überlebt haben. Wer selbst Angehörige verloren hat, fühlt sich gleichwohl oft schuldig überlebt zu haben. Warum - so die bohrende Frage - habe ich überlebt und meine Liebsten und Nächsten nicht.

BZ: Wird heute genügend getan, um das Gedenken an den Holocaust und die furchtbaren Konsequenzen des Antisemitismus in Deutschland wach zu halten?
Brumlik:
Es wird sehr viel getan, aber nicht wirklich durchdacht. Nötig wäre ein gebündelter und vertiefter zeitgeschichtlicher Unterricht in den neunten Klassen - das wäre besser, als das so wichtige Thema immer wieder mal und doch nur oberflächlich anzureißen.

BZ: Machen Ihnen die Wahlerfolge der rechten Szene in einigen deutschen Bundesländern und die Schändung von jüdischen Friedhöfen im benachbarten Elsass Angst?
Brumlik:
Die Wahlerfolge machen mir derzeit noch weniger Angst als das feige Paktieren sächsischer Landtagsabgeordneter, die unter dem Mantel der Anonymität eine inzwischen offen neonazistische Partei unterstützen.

BZ: Halten Sie jemals ein zweites Auschwitz für möglich oder glauben Sie, dass die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben?
Brumlik:
Man muss sich einen gewissen soziologischen Realismus behalten. Die Vernichtungslager setzten eine rassistische sowie faschistische Diktatur voraus und darüber hinaus einen Krieg. Beides ist im politischen Raum der EU derzeit überhaupt nicht absehbar. Weltweit freilich scheint mir die Gefahr von Genoziden alles andere als gebannt.

BZ: Sollte jeder deutsche Jugendliche einmal ein Konzentrationslager besucht haben?
Brumlik: Nur unter einer Bedingung: Dass dieser Besuch gründlich vor- und nachbereitet wird. Lässt sich beides nicht ermöglichen, sollten derlei Besuche unterbleiben.

BZ: Der Verein "Für die Zukunft lernen" schafft es immer wieder, rechtsradikal Gesinnte durch Arbeitsprojekte in Auschwitz mit den Folgen nationalsozialistischen Gedankenguts zu konfrontieren. Engagieren Sie sich deshalb in dem Verein?
Brumlik: Ich engagiere mich, weil hier ein kühnes und bedeutendes sozialpädagogisches Experiment bezüglich politischer Bildung gewagt wird. Bei jungen Leuten, die noch keinen verfestigten Lebensentwurf haben, sind die Chancen, sie von ihrem Irrweg abzubringen gut, da sie häufig aus ganz unpolitischen Gründen im rechtsradikalen Milieu landen - aus einem Mangel an Anerkennung, gekränkter Männlichkeit oder auch schlechten Berufs- und Arbeitsmarktchancen.